Was uns die Corona-Krise über gesellschaftliche Veränderungsprozesse lehrt

Aktuelle Dynamiken aus der Perspektive der Wirtschaftspsychologie

Der Begriff VUCA-Welt (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) beschreibt in der Wirtschaftsbranche eine dynamische, unsichere, komplexe und vieldeutige Welt, deren Herausforderungen sich Unternehmensführungen stellen müssen. Die aktuelle Corona-Krise führt uns diese Herausforderungen deutlicher denn je vor Augen – nicht nur im Wirtschaftssektor.

Der Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Axel Koch, aus der Fakultät Wirtschaftspsychologie der Hochschule für angewandtes Management, erklärt aus psychologischer Perspektive, wie eine derartige Ausnahmesituation die Handlungsweisen in Politik und Gesellschaft beeinflusst.

Veränderungsprozesse in Zeiten von Corona

Mit den Umständen der aktuellen Corona-Pandemie muss sich unsere Gesellschaft tagtäglich aufs Neue befassen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen bewertet und in politischen Maßnahmen umgesetzt werden und gleichzeitig klar und transparent öffentlich kommuniziert werden. Als das Corona-Virus auch in Deutschland als ernsthafte Bedrohung erkannt wurde, konnten einige Politiker durch ein souveränes Auftreten die Mehrheit Deutschlands von ihrem „Krisen-Fahrplan“ überzeugen, unter anderem der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (s. ZDF-Politbarometer 27.03.2020). Politiker weisen in diesem Zusammenhang Parallelen zu Führungskräften auf, welche ebenfalls in dieser Krisensituation die richtige Strategie entwickeln müssen. Sowohl in Wirtschaft als auch in Politik gibt es jedoch für die Herausforderungen der VUCA-Welt nicht die eine, richtige Lösung. Während so manche Politiker die Folgen der Pandemie eher verharmlosen, fordern andere umso drastischere Maßnahmen zur Einschränkung.

Welche Möglichkeiten bleiben uns also in einer sich dynamisch verändernden, unsicheren Welt? Prof. Axel Koch sieht die richtige Strategie in einem konstruktiven, offenen und faktenbasierten Austausch, welcher unterschiedliche Perspektiven mit einbezieht. Für Führungskräfte bedeutet dies, regelmäßig das eigene Handeln zu reflektieren und sich die Informationen und Überlegungen bewusst zu machen, anhand derer man letztendlich wichtige Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen werden tagtäglich getroffen – auch vor und nach der Corona-Krise. Allerdings zeigt sich aktuell mehr denn je, dass es mehr bedarf, als eine dauerhafte Veränderung einzuleiten. Die große Herausforderung liegt vor allem darin, diese Veränderung auf längere Zeit zu stabilisieren.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – auch in der Krise

Langfristige Veränderungen streben wir unter anderem an, wenn wir uns gute Vorsätze für das kommende Jahr auferlegen. So mancher gibt diese Ziele jedoch bereits nach kurzer Zeit auf, denn sie kosten regelmäßig Überwindung, machen oftmals keinen Spaß und sind letzten Endes – gegen unsere Gewohnheit. Die Corona-Pandemie hat uns gezwungenermaßen derartige „Vorsätze“ auferlegt. „Bleiben Sie zuhause.“ „Vermeiden Sie Kontakte.“ „Halten Sie Abstand.“ Diese Verhaltensregeln wurden hierzulande zu Beginn auch weitestgehend eingehalten und akzeptiert. Nach einiger Zeit konnte jedoch eine Ungeduld in manchen Teilen der Bevölkerung wahrgenommen werden, welche sich schließlich unter anderem in Demonstrationen gegen die geltenden Einschränkungen zeigte.

Dieses Verhalten ist aus psychologischer Sicht jedoch keineswegs außergewöhnlich. Das Modell der Abwertungsebenen zeigt beispielsweise, dass es typisch menschlich ist, Veränderungen vermeiden zu wollen. Als Bewältigungsstrategie versuchen wir dabei, Probleme nicht wahrzunehmen, auszublenden oder zu verdrängen. Im Kontext der Corona-Krise lässt sich dieses Verhalten in vielerlei Hinsicht erkennen, unter anderem an den Aussagen des US-Präsidenten Donald Trump oder durch die Veranstaltung von Corona-Parties. Der eigene Standpunkt bezüglich des Corona-Virus wird ebenfalls durch weitere Faktoren gefestigt, welche z.B. die Theorie der kognitiven Dissonanz nach Festinger erklärt. Der Mensch neigt demnach dazu, Informationen so zu bewerten, dass sie in das eigene Denkmuster passen. Die Dissonanz, welche durch Inhalte entstehen würde, die nicht unserem Standpunkt entsprechen, versuchen wir somit zu vermeiden.

Gesellschaftliche Veränderung während der Corona-Krise kann man z.B. bei radikalen Gruppen erkennen

Dennoch stellt sich die Frage, warum besonders aktuell politisch radikalere Gruppierungen, Verschwörungstheoretiker oder auch Populisten eine Bühne bekommen und sich Gehör verschaffen können. Auch hierfür bietet die Psychologie eine Erklärung. Die aktuelle Situation kann bei vielen Menschen das Gefühl von Unsicherheit und Kontrollverlust erzeugen, weshalb das individuelle Bedürfnis nach Sicherheit und einem höheren Selbstwertgefühl in den Vordergrund rückt. Bestimmte politische Ansichten und Theorien bieten dabei für so manchen eine Struktur in einer als chaotisch empfundenen Welt. Aktuelle Veränderungen werden jedoch auch gesamtgesellschaftlich durch diverse Interessensgruppen vorangetrieben. Als Beispiel lässt sich hier die Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga nennen. Diese konnte vor allem aufgrund der Durchsetzungsmacht bestimmter Akteure stattfinden, während andere Interessensgruppen geforderte Lockerungen nicht direkt durchsetzen konnten.

Abschließend lassen sich somit folgende Faktoren für erfolgreiche Veränderungsprozesse festhalten: Gesetze der Veränderungspsychologie kennen, einen Zugriff auf die richtigen Kontakte und gesellschaftliche Netzwerke sowie ein Leitthema, welches in möglichst hohem Maße auf Zustimmung trifft und somit Veränderung beflügelt.