Beauty-Produkte im YUKA-Check:
Was die App über Kosmetik wirklich verrät

Beauty-Produkte im YUKA-Check: Was die App über Kosmetik wirklich verrät

Ein Barcode, ein Scan, eine Zahl: 0 bis 100, dazu ein Farbpunkt von Rot bis Dunkelgrün. Innerhalb von Sekunden urteilt die YUKA-App über ein Kosmetikprodukt — und Millionen Menschen richten ihren Einkauf danach. Was als Lebensmittel-Scanner begann, ist längst auch im Badezimmerschrank angekommen: Seren, Cremes, Shampoos, Make-up.

Im Transfermodul „Longevity x Geschäftsmodelle“ haben unsere Beauty-Studies-Studierenden den Selbstversuch gemacht und ihre eigenen Produkte gescannt. Die Ergebnisse waren aufschlussreich — und manchmal überraschend: Das teuerste Produkt im Test schnitt am schlechtesten ab. Doch genau hier beginnt die spannende Frage: Wie verlässlich ist so ein Score eigentlich? Und was sagt er über ein Produkt aus — und was nicht?

Drei Leitgedanken dieses Artikels

  • YUKA macht Inhaltsstoffe transparent und stärkt gesundheitsbewusste Kaufentscheidungen
  • Die App bewertet die potenzielle Gefahr von Stoffen — nicht Dosis, Anwendung oder Wirkung
  • Für gesundheitsbewusste Zielgruppen wird der Score zum Marktfaktor, den Marken verstehen müssen

Was ist YUKA? Eine unabhängige App mit Mission

YUKA wurde 2016 in Frankreich von Julie Chapon sowie François und Benoît Martin gegründet; die iOS-App startete 2017 (Yuca SAS, 2026). Hinter der App steht das Pariser Unternehmen YUCA SAS. Der Anspruch: Verbraucher:innen sollen auf einen Blick verstehen, was in einem Produkt steckt — und Hersteller dadurch zu besseren Rezepturen bewegt werden.

Die Unabhängigkeit ist YUKAs stärkstes Argument: Weil keine Marke sich einen besseren Score kaufen kann, genießt die App bei gesundheitsbewussten Nutzer:innen hohes Vertrauen. Genau dieses Vertrauen macht sie zum Marktfaktor (dazu unten mehr).

Über das Projekt YUKA

  • Gegründet: 2016 in Frankreich (App-Launch 2017) von Julie Chapon, François & Benoît Martin
  • Betreiber: YUCA SAS, Paris
  • Reichweite: über 80 Millionen Nutzer:innen in zwölf Ländern (laut Yukas Live-Zähler auf yuka.io, Juni 2026); in Deutschland seit 2021 verfügbar
  • Unabhängigkeit: werbefrei, keine bezahlten Platzierungen, keine Markengelder — finanziert wird die App laut Yuka ausschließlich über die Nutzer:innen (Premium-Abo nach dem „Zahl, was du möchtest“-Prinzip ab 10 €/Jahr — freiwillig auch 15 € oder 20 €, um das Projekt zu unterstützen — sowie ein Ernährungsprogramm und ein Buch); Nutzerdaten werden laut Yuka nicht verkauft
  • Datenbasis (Kosmetik): Bewertung gestützt u. a. auf Quellen wie den EU-Wissenschaftsausschuss SCCS, die Chemikalienagentur ECHA, die französische ANSES und die Krebsforschungsagentur IARC (Yuca SAS, o. J.)

Wie die YUKA-App funktioniert

Das Prinzip ist bewusst einfach gehalten — die Logik dahinter ist es nur bedingt.

  1. Barcode-Scan: Die App liest den Strichcode und ruft das Produkt mit seiner Inhaltsstoffliste aus der Datenbank ab.
  2. Bewertung Inhaltsstoff für Inhaltsstoff: Jeder Inhaltsstoff wird in vier Risikostufen eingeordnet — kein, geringes, mäßiges oder hohes Risiko — anhand von Kriterien wie endokriner Wirkung, Allergiepotenzial, Reizwirkung oder Krebsverdacht; jede Einstufung ist mit wissenschaftlichen Quellen hinterlegt und in der Ergebnisanzeige nachvollziehbar.
  3. Gesamtscore-Berechnung: Der schlechteste Stoff entscheidet. Die finale Bewertung richtet sich nach dem Inhaltsstoff mit dem höchsten Risiko: Ein als hochriskant eingestufter Stoff drückt den Score automatisch in den roten Bereich, weitere Stoffe verfeinern den Wert.
  4. Alternativen: Für schlecht bewertete Produkte schlägt die App „gesündere“ Alternativen vor.

Zwei Dinge sind wichtig zu wissen: Der kostenlose Test funktioniert nur per Barcode-Scan — die Suche nach Produktnamen ist der Bezahlversion vorbehalten. Und die App bewertet die Inhaltsstoffe, nicht das fertige Produkt in seiner realen Konzentration. Beides hat Folgen, die der Test der Studierenden sichtbar gemacht hat.

Der Test im Transfermodul: Studierende scannen ihre Kosmetikprodukte

Theorie ist das eine, der eigene Badezimmerschrank das andere. Im Transfermodul „Longevity x Geschäftsmodelle“ von Daniela Wiessner haben unsere Studierenden ihre persönlichen Produkte gescannt, die Ergebnisse in KI-generierten Flatlays visualisiert und diskutiert, was die Scores für Konsument:innen bedeuten.

Vier Muster stachen heraus:

  • Teuer ist nicht gleich gut. Das hochpreisigste Produkt im Test — ein Luxus-Shampoo, das mit edlen Ölen wirbt — erhielt 0 von 100 Punkten, während günstige Drogerie- und Bio-Eigenmarken oft verlässlich im grünen Bereich (90+) landeten. Der Preis sagt über den YUKA-Score also wenig aus.
  • Manches lässt sich gar nicht bewerten. Tampons, Wattepads und Kontaktlinsenlösung wurden als „nicht bewertbar“ angezeigt — die Datenbasis der App deckt nicht alle Produktgruppen ab.
  • Gute Note trotz offener Fragen. Trockenshampoo und Nagellack erhielten hohe Scores — obwohl gerade beim Einatmen von Aerosolen und feinen Partikeln gesundheitliche Fragen offenbleiben, die eine reine Inhaltsstoff-Bewertung nicht erfasst.
  • Gleiche Marke und Serie, anderer Score. Selbst zwei Produkte derselben Marke und Produktserie können sehr unterschiedlich abschneiden — im Test zeigte sich das etwa beim Garnier-Reinigungswasser. Schon kleine Unterschiede in der Rezeptur können den YUKA-Score deutlich verschieben.

Hinzu kam eine praktische Erkenntnis: Wer ein Produkt nachträglich prüfen will, braucht den Barcode — die Verpackung sollte man also nicht voreilig wegwerfen. Und neu eingeführte Produkte waren teils noch nicht gelistet.

Wirkung oder Inhalt? Zwei Ziele, die sich nicht immer gleichzeitig erfüllen

Den aufschlussreichsten Befund lieferte die fachliche Einordnung aus dem Modul. Denn die Studierenden stießen auf ein strukturelles Muster: Produkte ohne aktive Wirkstoffe landen schnell auf der „sicheren“ grünen Seite — während gerade die wirksamen Inhaltsstoffe, die in der Hautpflege erwünscht sind, tendenziell schlechter bewertet werden.

„Wir müssen zwischen Wirkung und Inhalt unterscheiden. Ein Produkt ohne Wirkstoffe ist schnell mal auf der sicheren YUKA-Seite. In der Beauty wollen wir aber maximale Anti-Aging-Wirkung — und je tiefer ein Wirkstoff in die Haut vordringt, desto eher leuchtet YUKA auf.“

— Daniela Wiessner, Dozentin Transfermodul „Longevity x Geschäftsmodelle“, Beauty Studies (HAM)

Das ist kein Fehler der App, sondern Ausdruck zweier verschiedener Perspektiven: YUKA bewertet die gesundheitliche Einstufung der Inhaltsstoffe — nicht die kosmetische Wirkung. Beides sind legitime, aber unterschiedliche Ziele. Als Verbraucher:in sollte man sich nur bewusst sein, dass sich maximale Wirksamkeit und ein Top-Score nicht immer gleichzeitig erreichen lassen — hier heißt es abwägen, was einem wichtiger ist.

Gut sichtbar wird das an den Alternativvorschlägen der App: Für einen „Eyeliner Pen Extra Long-Lasting“ oder „Eyeliner Pen Waterproof“ empfiehlt YUKA herkömmliche Kajals oder Liquid Eyeliner anderer Marken — die aber genau die gewünschte Langlebigkeit bzw. Wasserfestigkeit nicht bieten. Für die Anwenderin ist das kein echter Ersatz.

Gefahr statt Risiko: Wo der Score an Grenzen stößt

Eine Lücke betrifft dagegen Konzentration und Anwendung; hier kommt die Kritik vor allem von branchennahen Stellen (Cosmetics Consultants Europe, 2019; IKW, o. J.): YUKA prüft die potenzielle Gefahr der enthaltenen Inhaltsstoffe — also ob ein Stoff überhaupt bedenklich sein kann —, nicht aber das tatsächliche Risiko in der Anwendung. Ob ein Stoff im fertigen Produkt wirklich problematisch ist, hängt von Konzentration, Dosis, Einwirkzeit und Anwendungsart ab — etwa abwaschen vs. auf der Haut belassen oder auftragen vs. einatmen (bei Sprays erfordert die Inhalation sogar eine eigene Risikobewertung; Rothe et al., 2011). Das alles fließt nicht in den Score ein. Die App behauptet auch nicht, es zu leisten — trotzdem kann ein grüner Wert eine scheinbare Sicherheit erzeugen, die so nicht gedeckt ist.

Wichtig zur Einordnung: Jedes in der EU verkaufte Kosmetikprodukt ist bereits gesetzlich auf Sicherheit geprüft. Die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 verlangt vor dem Inverkehrbringen einen Sicherheitsbericht durch qualifizierte Sachverständige und verbietet krebserregende, erbgut- oder fortpflanzungsschädigende Stoffe grundsätzlich (Europäische Union, 2009). YUKA misst also nicht „sicher vs. unsicher“, sondern legt einen zusätzlichen, gefahrenbasierten Maßstab an.

Zur Fairness gehört die andere Seite: Ein unabhängiger Test der Verbraucherzentrale (2024) bewertete YUKA insgesamt positiv — hohe Trefferquote, werbefrei, datensparsam. Die Grenzen liegen also in der Interpretation der Scores, nicht in der App selbst.

YUKA-App-Check kompakt

Vorteile

  • macht Inhaltsstoffe transparent, niederschwellig und vergleichbar
  • stärkt gesundheitsbewusste Entscheidungen und kann Hersteller zu transparenteren Rezepturen anregen
  • belegt jede Bewertung mit wissenschaftlichen Quellen — Ergebnisse bleiben nachvollziehbar

Grenzen:

  • bewertet Gefahr durch Inhaltsstoffe, nicht Risiko — ohne Konzentration, Dosis und Anwendung
  • berücksichtigt keine Wirksamkeit — wirksame Wirkstoffe werden eher „bestraft“, Alternativprodukte nicht immer hilfreich
  • Anwendungsrisiken (z. B. Aerosole) und ganze Produktgruppen bleiben außen vor

Kontext: EU-Kosmetik ist bereits gesetzlich sicherheitsgeprüft (VO 1223/2009)

Was das für Konsumentenverhalten und Marketing bedeutet

YUKA ist mehr als eine App — sie ist Ausdruck eines Konsumtrends. Gesundheit wird zum Leitmotiv des Einkaufens, und Longevity ist dabei kein kurzlebiger Hype, sondern ein langfristiger Wirtschaftstreiber. Das schlägt sich im Markt nieder: Der globale „Clean Beauty“-Markt wird für 2025 auf rund 10,5 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit zweistelligem jährlichem Wachstum (Grand View Research, 2026). In Deutschland macht Naturkosmetik inzwischen knapp ein Zehntel des Schönheitspflegemarkts aus (Naturkosmetik-Branchenmonitor, 2026), der 2025 bei rund 18 Milliarden Euro Inlandsumsatz lag (IKW, 2025; ohne Haushaltspflege).

Verändern solche Scores tatsächlich das Kaufverhalten? Die Forschung zu Front-of-Pack-Bewertungen legt nahe: ja, aber maßvoll. In einem groß angelegten Feldexperiment erhöhte der Nutri-Score den Kauf der jeweils besten Produkte spürbar — real jedoch deutlich schwächer als unter Laborbedingungen (Dubois et al., 2021). Übertragen auf Beauty heißt das: Der Score verschiebt Entscheidungen am Rand, ersetzt aber keine Markenbindung.

Wie stark dabei Emotion mitspielt, zeigte sich im Modul selbst: Eine Studierende scheute sich, ihre Lieblingskosmetika überhaupt zu scannen — aus Sorge, sie könnten zu schlecht abschneiden.

Genau hier liegt die Einordnung für das Beauty-Management — und sie deckt sich mit der Einschätzung aus dem Modul: Für die breite Masse und etablierte Marken mit hohem Marketingdruck ist YUKA kaum eine Bedrohung. Für gesundheitsbewusste Zielgruppen aber können gerade drastische Ergebnisse — eine 0 auf einem teuren Produkt — die Kaufentscheidung kippen. Hinzu kommt der „Yuka-Effekt“: In einer von Yuka beauftragten Ifop-Befragung gaben 78 % der befragten französischen Lebensmittelhersteller an, ihr Score beeinflusse die Rezeptur (Ifop, 2025). Ob solche Scores wirklich zu Reformulierung führen, ist empirisch aber erst gemischt belegt (Vasquez & Vandevijvere, 2024; Gréa et al., 2025).

Für Marken ergeben sich daraus klare Konsequenzen:

  • Den Score kennen, bevor es die Kundin tut: Eigene Produkte selbst scannen und Schwachstellen in der Rezeptur antizipieren.
  • Transparenz offensiv spielen: Wer gute Werte hat, kann sie kommunizieren; wer wirkstoffbedingt schlechter abschneidet, sollte die Wirkung erklären statt sie zu verschweigen.
  • Gesundheitsbewusste Segmente ernst nehmen: Hier entscheidet der Score mit — nicht beim Impulskauf, aber beim überlegten.
  • Den Unterschied zwischen Sicherheit und Score vermitteln: Aufklärung über Gefahr vs. Risiko ist selbst ein Vertrauensargument.
  • Und nicht zuletzt: Konsumentscheidungen sind nicht nur rational — wie die Anekdote aus dem Modul zeigt, schlägt mitunter die Emotion den Verstand. Auch das ist eine Erkenntnis, die in einem Beauty-Studium ihren Platz hat.

Quellen:

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Beauty Studies – Deep Dive

Im Studiengang Beauty Studies an der HAM lernst du, Beauty-Trends nicht nur zu erkennen, sondern einzuordnen — an der Schnittstelle von Wissenschaft, Markt und Verantwortung. Den hier beschriebenen YUKA-Test führen unsere Studierenden im Transfermodul „Longevity x Geschäftsmodelle“ selbst durch.

  • Scientific Beauty & Inhaltsstoffe: Wie bewerte ich Wirkung, Sicherheit und Risiko jenseits eines einzelnen Scores?
  • Consumer Behavior & Longevity: Wie verändert das Gesundheitsbewusstsein das Kaufverhalten — und welche Geschäftsmodelle entstehen daraus?
  • Beauty Marketing & Transparenz: Wie kommuniziere ich Inhaltsstoffe glaubwürdig in einer kritischen Öffentlichkeit?
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