Ebenmäßige Haut statt auffälliger Looks
Die aktuellen Beauty-Trends auf dem Runway setzen nach wie vor auf einen minimalistischen, natürlichen Look. Im Mittelpunkt steht eine ebenmäßige, gesunde Haut — häufig als „No-Makeup-Makeup“ bezeichnet. Auffällige Looks treten in den Hintergrund; stattdessen werden gezielt einzelne Akzente gesetzt, etwa durch einen präzisen Eyeliner. Direkt backstage bei Neo Fashion bestätigen das auch die Hair & Make-up Artists Teresa und Urnaa im Interview mit Ronja:
„Also momentan, modern ist ganz cleanes Beauty-Make-up, also ganz schöne natürliche Haut, und wir sind gerade weg von den eher extremen Make-up-Looks. Also wenn wir cleane Haut haben, dann manchmal, so wie wir gerade bei dem Look haben, ein Eyeliner dazu, aber es ist alles eher minimalistisch mit vielleicht ein, zwei Akzenten gesetzt.“
Was in Berlin auf dem Laufsteg zu sehen war, ist dabei kein isoliertes Phänomen: Beauty-Redaktionen wie WWD ordnen den Trend zur „skin-first beauty“ für 2026 branchenweit ein — weg von deckenden Foundations, hin zu atmungsaktiven, hautähnlichen Texturen, die gezielt nur dort aufgetragen werden, wo sie gebraucht werden. Auch der Modeausbildungs-Blog von Istituto Marangoni beschreibt für die Fashion Weeks der Saison den Trend zu reduziertem Make-up und Haut als eigentlichem „Produkt“ des Looks.
Warum „einfach“ oft das Schwierigste ist
Interessant dabei: Dieser scheinbar natürliche Look erfordert besonders viel handwerkliches Können, Präzision und Zeit. Je unsichtbarer das Make-up wirken soll, desto anspruchsvoller ist seine Umsetzung — eine ebenmäßige Haut lässt sich nicht einfach „auftragen“, sie muss durch mehrere fein abgestimmte, dünne Schichten aufgebaut werden, ohne dass am Ende überhaupt wie Make-up aussieht. Teresa und Urnaa erklären uns hierzu:
„Da braucht man viel Erfahrung. Also No-Make-up-Make-up braucht normalerweise mehr Zeit und Skills und Techniken, als sichtbares Make-up brauchen könnte.“
Beide Beauty Artists können auf über zehnjährige Erfahrung im Geschäft zurückgreifen.
Der Trend spiegelt eine grundsätzliche Entwicklung wider, bei der Authentizität und Natürlichkeit wichtiger werden als auffällige Inszenierung. Make-up dient dabei weniger der Selbstdarstellung als der Veredelung des Gesamtbildes — für Visagist:innen bedeutet das höhere technische Anforderungen, obwohl das Ergebnis bewusst dezent wirkt.
Backstage bei Neo Fashion: Verschiedene Make-up-Artists aus Teresa und Urnaas Team bringen die Models der Berlin Fashion Week 2026 in den minimalistischen No-Makeup-Makeup-Look.
Woher der Trend kommt: Clean Girl, K-Beauty und die Sehnsucht nach Natürlichkeit

Der Blick auf Berlin fügt sich in eine Entwicklung ein, die die Beauty-Branche schon seit einigen Jahren prägt. Popkulturell trat der Minimalismus zuerst als „Clean Girl“-Ästhetik in Erscheinung: Ab 2021 auf TikTok entstanden, wurde der Look aus dezentem Make-up, straff zurückgebundenem Haar und rosigem Teint rasch zu einem der meistgesuchten Beauty-Begriffe der Gen Z. Der Ursprung reicht dabei weiter zurück, als es der TikTok-Hype vermuten lässt: Looks aus straffem Dutt, Hoop-Ohrringen und dezentem Make-up wurden lange vor allem von Schwarzen und lateinamerikanischen Frauen getragen — teils sogar abwertend als „dirty look“ bezeichnet —, ohne dass ihnen dafür derselbe kulturelle und kommerzielle Stellenwert zuerkannt wurde wie den überwiegend weißen Creator:innen, die den Look ab 2021 auf TikTok viral machten (Chevron, 2022).
Parallel dazu hat vor allem die südkoreanische Beauty-Industrie den Blick auf Make-up grundlegend verschoben. Im K-Beauty-Ansatz steht seit Jahren gepflegte, gesunde Haut im Vordergrund, Make-up ergänzt nur noch, was die Hautpflege bereits geschaffen hat. Der „Glass Skin“-Trend, der über K-Pop und K-Dramen seit den frühen 2010er-Jahren global bekannt wurde, hat dieses Ideal einer makellosen, aber ungeschminkt wirkenden Haut maßgeblich mitgeprägt (Yoo, 2026). Genau dieses Prinzip – gesunde Haut als eigentliches Ziel, Make-up nur als letzter, kaum sichtbarer Schritt – findet sich in den Aussagen von Teresa und Urnaa unmittelbar wieder.
Dass diese Entwicklung inzwischen auch die Laufstege selbst erreicht hat, zeigt sich branchenweit: Fashion-Verbände wie der Copenhagen Fashion Summit beschreiben „Skin-First Beauty“ bereits als die Entwicklung, die aktuelle Make-up-Trends auf internationaler Ebene neu definiert (Copenhagen Fashion Summit, 2026). Was backstage bei Neo Fashion zu beobachten war, reiht sich damit in einen globalen Wandel ein — wie sich dieser Minimalismus auch im Gesamtbild von Fashion und Beauty auf dem Runway zeigt, vertiefen wir in unserem Schwesterartikel zur Berlin Fashion Week 2026.
Was die Wissenschaft zum „No-Makeup-Makeup“ sagt
Der Trend ist längst auch ein Forschungsthema der Marketing- und Konsumpsychologie — mit einem überraschenden Befund.
Mehr „No-Makeup“-Diskurs, mehr Umsatz.
Eine Studie der University of Georgia hat untersucht, wie sich die „No-Makeup“-Bewegung auf Social Media tatsächlich auf den Kosmetikmarkt auswirkt — anhand von Twitter-Daten zu #nomakeup (2009–2016), abgeglichen mit wöchentlichen US-Nielsen-Verkaufszahlen (2006–2016). Das Ergebnis widerspricht der Intuition: Je mehr über #nomakeup gesprochen wurde, desto höher, nicht niedriger, fielen die Verkaufszahlen für die meisten Make-up-Kategorien aus — etwa Concealer, Mascara, falsche Wimpern oder Lippenstift. Nur bei Rouge zeigte sich kein Effekt, bei cremiger/pudriger Foundation sogar ein gegenteiliger (Smith et al., 2022).
Konstruierte vs. echte Natürlichkeit
Eine Bildanalyse von über 3.000 #nomakeup-Selfies auf Instagram zeigte: Ein erheblicher Teil der Personen, die sich als ungeschminkt inszenierten, hatte laut Bildauswertung tatsächlich Make-up aufgetragen — die Studie spricht von „konstruierter“ statt echter Natürlichkeit. Diese konstruierte Natürlichkeit wurde von Betrachter:innen sogar als attraktiver bewertet und erhielt mehr Likes als tatsächlich ungeschminkte Selfies (Smith et al., 2022).
Warum weniger sichtbarer Aufwand wirkt.
Die Studie erklärt das mit einem psychologischen Mechanismus: Wird wenig Aufwand vermutet, schreiben Betrachter:innen die Attraktivität eher der „echten“ Schönheit einer Person zu — das wertet sie auf. Wird dagegen viel sichtbarer Aufwand vermutet, wird dieselbe Attraktivität eher abgewertet, weil sie als künstlich hergestellt gilt. Die Studie selbst untersucht die Wahrnehmung durch Betrachter:innen, nicht die handwerkliche Seite des Make-ups — überträgt man den Mechanismus auf das Interview mit Teresa und Urnaa, erklärt er aber, warum ein glaubwürdiges No-Makeup-Makeup so anspruchsvoll ist: Nur wenn das Make-up vollständig unsichtbar bleibt, greift der beschriebene Aufwertungseffekt.
Authentizität als Verkaufsversprechen
Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Analyse der Marketingkommunikation von No-Makeup-Makeup-Marken wie Glossier, RMS Beauty und Goop Beauty (studentische Abschlussarbeit, Scripps College): Der Trend wird als natürlich, authentisch und zugänglich beworben, zielt in der Praxis aber auf ein kuratiertes, aspirational wirkendes Bild ab — wohlhabend, gesund, hübsch und natürlich zugleich. Für Nutzer:innen bedeutet das vor allem, in der heutigen Selfie-Kultur dauerhaft „photo-ready“ zu sein (Greene, 2020).
Stimme von Backstage: Wer den Trend umsetzt
Hinter diesen Aussagen stehen Teresa und Urnaa Uunii, die bei der Berlin Fashion Week ihr eigenes Team leiteten. Urnaa beschreibt sich selbst so:
„I’m a teacher part time at Inclover school and freelance hair & makeup artist with over 12 years of experience. I’m a Mongolian. At the event I was leading my team.“
— Urnaa Uunii, Inclover Hair & Makeup Academy (@inclover_academy)
Bei Neo.Fashion. — eine Plattform im Rahmen der Berlin Fashion Week, die eine nationale und internationale Bandbreite an Designer:innen und kreativen Positionen zusammenbringt — war genau dieser Trend über mehrere Shows hinweg sichtbar: Clean, präzise, zurückhaltend. Ein Trend, der zeigt, dass gutes Make-up nicht laut sein muss, um zu wirken.
Quellen:
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Autorin
Prof. Dr. Marina Fischer
leitet an der Hochschule für angewandtes Management (HAM) die Bachelor-Studiengänge Beauty Studies und Medienmanagement. Sie bringt langjährige Erfahrung im Bereich Marketing aus ihrer bis heute laufenden Agenturtätigkeit mit. Dieses Wissen gibt sie im Studiengang Beauty Studies direkt an die Studierenden weiter, unter anderem in Modulen mit Schwerpunkt Marketing sowie im Modul Beauty Markets and Trend Scouting.

Co-Autorin
Ronja Hempel
ist Modedesignerin und Dozentin mit den Schwerpunkten Modedesign, Kollektionsentwicklung und Fashion Management. Nach der Präsentation ihrer Arbeiten auf nationalen und internationalen Plattformen engagiert sie sich heute in der internationalen Modeausbildung und Hochschulzusammenarbeit. Durch ihre Lehr- und Projekttätigkeiten, unter anderem in China, fördert sie den Austausch zwischen europäischen und asiatischen Bildungs- und Kreativnetzwerken. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Analyse von Trends, visueller Kultur sowie den kulturellen Wechselwirkungen zwischen Mode, Beauty und Gesellschaft.
Wie Beauty und Mode als Gesamtbild zusammenspielen — inklusive der Frage, wann Make-up bewusst ausdrucksstark statt zurückhaltend ist — vertiefen wir im nächsten Blogartikel auf unserem Beauty Hub zum Thema „Gesamtbild von Fashion und Beauty auf dem Runway“.
Beauty Studies – Deep Dive
Trends erkennen, einordnen und für Marken oder Kund:innen übersetzen zu können, ist eine Kernkompetenz, die im Studiengang Beauty Studies an der HAM in mehreren Modulen vermittelt wird:
- Beauty Markets and Trend Scouting: Trendforschung, Consumer Insights, Social Listening — die strategische Seite, um einen Trend wie „No-Makeup-Makeup“ frühzeitig zu erkennen und einzuordnen.
- Auftragetechniken und Make-Up-Design (Schwerpunkt „Cosmetology and Make Up“): Applikationsmethoden, Konzeptentwicklung, Editorial Make-up — die handwerkliche Seite dessen, was Teresa und Urnaa in Minuten leisten.
Wer versteht, wie Hair & Make-up ein Gesamtbild tragen statt dominieren — oder wann sie bewusst selbst zur Hauptrolle werden —, versteht Beauty als gestalterisches und unternehmerisches Handwerk, nicht nur als Produktanwendung.





