Leitgedanken dieses Artikels
- Backstage gilt ein eigenes Gesetz: Hair & Make-up sollen die Kollektion tragen, nicht die Show stehlen.
- Ob zurückhaltend bis zur Unsichtbarkeit oder plakativ bis zur Hauptrolle: Beauty muss auf dem Runway die Vision der Designer unterstreichen.
- Wie weit das reichen kann, zeigen sieben legendäre Runway-Momente der Modegeschichte: von Viktor & Rolfs Tilda-Swinton-Klonen bis zu Alexander McQueens außerirdischem Make-up.
- Neo Fashion zeigt exemplarisch, dass der No-Makeup-Look auch auf der Berlin Fashion Week 2026 noch immer dominierte.
Hair & Make-up in der dienenden Rolle
Backstage wird schnell deutlich: Beauty steht hier nicht im Rampenlicht. Das Ziel ist nicht, Aufmerksamkeit auf das Make-up oder die Frisur zu lenken, sondern die Kollektion der Designerin oder des Designers optimal zur Geltung zu bringen. Haare und Make-up werden deshalb bewusst so gestaltet, dass sie die Mode ergänzen und ihre Wirkung verstärken — ohne mit ihr zu konkurrieren. Ein Prinzip, das auf den ersten Blick zurückhaltend wirkt, in der Umsetzung aber hochpräzise Arbeit verlangt.
Fünf Minuten pro Model: Zeitdruck und eingespieltes Teamwork

Wie anspruchsvoll diese Arbeit tatsächlich ist, schildern Teresa und Urnaa, die beiden Hair & Make-up Artists der Inclover Hair & Makeup Academy (@inclover_academy), im Interview mit Ronja:
„Also momentan, modern ist ganz cleanes Beauty-Make-up, also ganz schöne natürliche Haut, und wir sind gerade weg von den eher extremen Make-up-Looks. […] Es ist alles eher minimalistisch mit vielleicht ein, zwei Akzenten gesetzt.“
Auf die Frage, wie das mit der Kollektion zusammenhängt:
„Das Ziel des Make-ups ist es vor allem, innerhalb der Kollektionen Teil der Kollektion sein zu können, aber nicht in den Vordergrund gerückt zu werden. […] Make-up soll die Mode so ein bisschen nach vorne bringen, aber das Make-up steht überhaupt nicht im Vordergrund, auch die Haare nicht. Es ist alles nur da, um die eher sehr expressive Mode nach vorne in den Vordergrund zu rücken.“
Und zum Zeitdruck zwischen den Shows:
„Manchmal nur zehn Minuten oder fünf Minuten sogar [pro Look]. […] Das Extremste, was ich je hatte, waren fünf Leute an einem Model: eine an den Nägeln, zwei am Make-up, zwei an den Haaren.“
Über zehn Jahre Erfahrung bringen die beiden laut eigener Aussage mit — „wir sind ja alte Hasen“. Diese Routine ist es, die den Spagat zwischen Tempo und Präzision überhaupt erst möglich macht.
Die Symbiose: Wenn Zurückhaltung zum Stilmittel wird
Fashion und Beauty bilden auf dem Runway eine Symbiose: Die Mode steht im Mittelpunkt, während Hair & Make-up ihre Wirkung gezielt unterstützen. Gerade die Zurückhaltung des Beauty-Looks ist dabei ein bewusstes gestalterisches Mittel. Dadurch entsteht ein harmonisches Gesamtbild, das die Handschrift der Designerin oder des Designers in den Vordergrund rückt — und gleichzeitig die Professionalität und handwerkliche Präzision des Beauty-Teams sichtbar macht, auch wenn diese für das Publikum oft unsichtbar bleibt.
Zurückhaltende, cleane Beauty Looks als bewusstes gestalterisches Mittel auf dem Runway bei Neo.Fashion (Berlin Fashion Week 2026)
Zurückhaltend oder ausdrucksstark — dasselbe Ziel
Im Interview wird aber auch deutlich: „Zurückhaltung“ ist kein Naturgesetz von Beauty im Modekontext, sondern eine Entscheidung, die zur jeweiligen Kollektion passt. Auf die Frage nach dem Aufregendsten, das sie bisher erlebt haben, erinnert sich eine der beiden Artists an einen völlig anderen Ansatz:
„Für mich war es 2016 tatsächlich die Alternative Fashion Week hier in Berlin. Die war von den Make-up-Looks einfach am aufwendigsten. Da war wirklich ein wochenlanges Training und sehr kreative, knallbunte und nicht Beauty-Make-up, sondern wirklich Kunst-Make-up-Looks.“
Genau hier zeigt sich die eigentliche Pointe: Ob Make-up zurückhaltend und nahezu unsichtbar bleibt oder sehr ausdrucksstark und plakativ auftritt, ist am Ende dieselbe Entscheidung — nur mit umgekehrtem Vorzeichen. In beiden Fällen hat Beauty die Aufgabe, die intendierte Vision der Designerin oder des Designers zu unterstreichen. Minimalismus dient der Kollektion genauso wie Maximalismus — je nachdem, welche Geschichte eine Show erzählen will.
Wenn Beauty selbst zur Hauptrolle wird: Sieben Runway-Beispiele aus der Modegeschichte
Dass Beauty nicht immer die dienende Nebenrolle einnimmt, zeigen einige der bekanntesten Runway-Momente der jüngeren Modegeschichte. Sie beweisen: Auch wenn Make-up und Hair für einmal ganz vorne mitspielen, folgt das demselben Prinzip — es dient der Vision hinter der Kollektion, nur eben sichtbarer.
1. Wenn alle Models zu einer Person werden:
Bei ihrer „One Woman Show“ (Herbst/Winter 2003 Haute Couture) ließen Viktor & Rolf Schauspielerin und Muse Tilda Swinton die Show mit einer eigenen Stimm-Aufnahme eröffnen — gefolgt von einer Reihe blasser, kupferhaariger Models, die alle wie ihre Klone gestylt waren. Ein Effekt, der die Kollektion zu einer einzigen, wiederkehrenden Vision verdichtete.
2. Wenn Individualität selbst das Statement ist:
Bei „Ladies Who Lunch“ (Frühjahr/Sommer 2022, präsentiert im September 2021 während der New York Fashion Week) besetzte Moschino-Kreativdirektor Jeremy Scott den Cast bewusst divers — mit Models unterschiedlicher Körpertypen, Haar- und Hautfarben sowie Hairstyles, darunter das Plusk-Size-Model Precious Lee, Winnie Harlow, Soo Joo Park und die querschnittsgelähmte, im Rollstuhl laufende Model Aaron Rose Philip. Individualität statt Uniformität wurde hier selbst zum Konzept.
3. Wenn Beauty eine Epoche zitiert:
Für die Cruise-Kollektion 2013 (präsentiert 2012 im Schloss Versailles) griff Chanel unter Karl Lagerfeld das Rokoko-Zeitalter von Marie Antoinette auf — Hairstylist Sam McKnight setzte den Models dazu kurze, knallbunte Perücken auf („mehr Accessoire als Frisur“) und ergänzte doppelte C-Beauty-Spots als Schönheitsflecken. Historisches Zitat und Punk-Attitüde in einem Bild.
4. Wenn Gesichter verschwinden:
Maison Margiela macht das Verhüllen von Gesichtern seit den Anfängen unter Gründer Martin Margiela (Artisanal-Show Frühjahr/Sommer 1989: Gesichter verdeckt durch Strumpfhosen-Stoff) zum Markenzeichen. In der Artisanal-Kollektion Frühjahr/Sommer 2024 unter John Galliano waren die Gesichter der Models in bestickten Tüll gehüllt, die Augen geschwärzt — inspiriert von den Gemälden des Fauvisten Kees van Dongen. Die Kleidung sollte im Mittelpunkt stehen, nicht die Person, die sie trägt.
5. Wenn alle Models denselben Kopf tragen:
Bei Alexander McQueens „Joan“-Show (Herbst/Winter 1998) trugen manche Models Prothesen-Glatzen mit aufgesetzten Zöpfen, andere kantige, platinblonde Perücken — ein radikal vereinheitlichtes Beauty-Bild als Teil der düsteren, an Jeanne d’Arc angelehnten Inszenierung.
6. Wenn Make-up zur Zukunftsvision wird:
In Alexander McQueens letzter Kollektion zu Lebzeiten, „Plato’s Atlantis“ (Frühjahr/Sommer 2010), gestaltete Make-up-Artist Val Garland perlmuttschimmernde Haut mit implantatartigen Polstern an Wangenknochen und Augenbrauen — ein außerirdisch-aquatischer Look für McQueens Zukunftsvision einer Menschheit, die ins Meer zurückkehrt. Garland selbst beschrieb ihre Arbeit so: „Es kam alles von ihm, seiner Sichtweise. Es musste absolut spezifisch sein; er wusste, wann es genau richtig war, wann es seiner eigenen Vision so nah wie möglich kam.“ — ein Beleg dafür, dass auch das extremste Make-up letztlich der Vision der Designerin oder des Designers dient.
7. Wenn Geschlechtergrenzen verschwimmen:
Bei ihrer Herbst/Winter-2015-Show ließ Prada-Designerin Miuccia Prada Damen- und Herrenmode gemeinsam über denselben Laufsteg schicken — männliche und weibliche Models trugen dieselbe Frisur (gegelte Stirnlocken) und dasselbe Farbschema. Ihr Statement dazu: Geschlecht sei „ein Kontext, und Kontext ist oft geschlechtlich geprägt“.
Ob zurückhaltend oder plakativ, ob unsichtbar oder Hauptdarsteller: In allen sieben Beispielen bleibt das Prinzip, das auch Teresa und Urnaa backstage bei der Neo Fashion beschreiben, dasselbe — Beauty erzählt die Geschichte, die die Designerin oder der Designer erzählen will.
Quellen:
mehr anzeigen ...Autorin
Prof. Dr. Marina Fischer
leitet an der Hochschule für angewandtes Management (HAM) die Bachelor-Studiengänge Beauty Studies und Medienmanagement. Sie bringt langjährige Erfahrung im Bereich Marketing aus ihrer bis heute laufenden Agenturtätigkeit mit. Dieses Wissen gibt sie im Studiengang Beauty Studies direkt an die Studierenden weiter, unter anderem in Modulen mit Schwerpunkt Marketing sowie im Modul Beauty Markets and Trend Scouting.


Co-Autorin
Ronja Hempel
ist Modedesignerin und Dozentin mit den Schwerpunkten Modedesign, Kollektionsentwicklung und Fashion Management. Nach der Präsentation ihrer Arbeiten auf nationalen und internationalen Plattformen engagiert sie sich heute in der internationalen Modeausbildung und Hochschulzusammenarbeit. Durch ihre Lehr- und Projekttätigkeiten, unter anderem in China, fördert sie den Austausch zwischen europäischen und asiatischen Bildungs- und Kreativnetzwerken. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Analyse von Trends, visueller Kultur sowie den kulturellen Wechselwirkungen zwischen Mode, Beauty und Gesellschaft.
Wie Beauty und Mode als Gesamtbild zusammenspielen — inklusive der Frage, wann Make-up bewusst ausdrucksstark statt zurückhaltend ist — vertiefen wir im Schwesterartikel zum Gesamtbild von Fashion und Beauty auf dem Runway.
Beauty Studies – Deep Dive
Genau dieses Zusammenspiel aus Mode, Beauty und Inszenierung ist Gegenstand mehrerer Module des Studiengangs Beauty Studies an der HAM:
- Fashion: Beauty Studies ist als interdisziplinärer Studiengang angelegt: ein ganzes eigenes Modul widmet sich der Schnittstelle von Mode und Beauty, genau dem Zusammenspiel, das Ronja backstage erlebt hat.
- Ästhetik, Geschichte und Soziologie der Schönheitsideale: Kulturgeschichte der Schönheit und Schönheitsideale im historischen Wandel — die Basis, um Beispiele wie Viktor & Rolfs Tilda-Swinton-Klone oder Chanels Marie-Antoinette-Zitat einzuordnen.
- Auftragetechniken und Make-Up-Design (Schwerpunkt „Cosmetology and Make Up“): Applikationsmethoden, Konzeptentwicklung, Editorial Make-up — die handwerkliche Seite dessen, was Teresa und Urnaa in Minuten leisten.
Wer versteht, wie Hair & Make-up ein Gesamtbild tragen statt dominieren — oder wann sie bewusst selbst zur Hauptrolle werden —, versteht Beauty als gestalterisches und unternehmerisches Handwerk, nicht nur als Produktanwendung.


